„Gaudy Night“ im Kabinett

Ein Blogpost zur Scilogs-Serie „Ehrlichkeit in der Wissenschaft“, anlässlich der Guttenberg-Affäre, erschienen im Brainlogs-Blog „Nette an Steve“, das ich einige Jahre mit meinem Kollegen Steve Ayan von Gehirn&Geist geführt habe.

„Ehrlichkeit in der Wissenschaft“ klingt genauso tautologisch wie „Qualität im Journalismus“ – denn ohne Ehrlichkeit keine Wissenschaft, ohne Qualität kein Journalismus. Ein unehrlicher Wissenschaftler verlässt bereits in dem Moment die Wissenschaftscommunity, in dem er sich unehrlich verhält, denn er missachtet die Conditio sine qua non der Forschung. Aberkennungen von Doktorwürden sind dann nur noch das formale Nachgeplänkel. Der Sündenfall geschieht vorher. Im Journalismus ist es genauso, denken wir an Tom Kummer, der sich unter anderem für das SZ-Magazin knackige Hollywood-Interviews zusammenreimte: Auch hier war die Grenze überschritten – ein Interview, das „doch genauso hätte sein können“, ist kein journalistisches Interview, sondern Fiktion. Tom Kummer wurde abberufen. Allerdings nicht auf ewig. Der Journalismus gab ihm, wenn auch in anderer Form, irgendwann eine zweite Chance.

Damit sind wir beim Thema. „Ein unehrlicher Wissenschaftler ist kein Wissenschaftler“ – ist damit alles gesagt? Nein, leider nicht. Denn Wissenschaftler (und Journalisten) sind Menschen, die sich nicht nur ihrem Metier widmen, sondern in ein Netz aus privaten und beruflichen Sachzwängen eingesponnen sind. Nicht jeder zerreißt dieses Netz im Dienst der Ehrlichkeit und der Qualität. Mancher bleibt darin hängen und wurschtelt sich durch („tun es denn nicht alle?“) Man ignoriert, dass man schon längst kein Wissenschaftler oder Journalist mehr ist. Sondern ein Als-ob-Wissenschafler oder Als-ob-Journalist. Und man hofft, dass einem niemand draufkommt.

Solche Lebenslügen sind immer ein gutes Thema für die Literatur. Die wunderbare Dorothy L. Sayers hat in „Gaudy Night“ das Sujet des unehrlichen Wissenschaftlers aufgegriffen: Ein hoffnungsfroher Habilitand, Familienvater, hat dummerweise ein armes Hausmädchen geheiratet und muss nun ganz schnell seine wissenschaftliche Qualifikationsarbeit abschließen, um eine akademische Lebenszeitstelle zu bekommen und seine Familie ernähren zu können. Da entdeckt er in den tiefsten Tiefen einer unbekannten Bibliothek ein Schriftstück, dessen Inhalt seine ganze Argumentation obsolet werden lässt. Kurz vor Abgabe also der wissenschaftliche GAU: Der Gegenbeweis! Schwarz auf Weiß. Ja, auch in den Geisteswissenschaften gibt es das, die kluge Dame Sayers wusste das. Was tut der Habilitand? Er stiehlt das Papier, ist zwar immerhin Wissenschaftler genug, es nicht zu vernichten, doch vor der Forschungsöffentlichkeit verbirgt er es. Er gibt seine Arbeit in geplanter Form ab.

Leider hat er nicht mit der Kollegin gerechnet, einer alten Jungfer, die sich ganz der Wissenschaft verschrieben hat. Wir ahnen schon: Eine Frau ganz ohne private Verstrickungen, nicht korrumpierbar und unerbittlich. Sie hatte sich bei Recherchen zu einem ganz anderen Thema auch einmal in die unbekannte Bibliothek verirrt und das inkriminierende Papier gesehen. Detektivische Rekonstruktion erlauben ihr die Schlussfolgerung, dass der Habilitand es bewusst unterschlagen hat. Sie bescheinigt ihm die wissenschaftliche Unehrlichkeit schriftlich. Er kann sich nicht habilitieren, erhält die erhoffte Stelle daraufhin natürlich nicht, sondern ist nun ein Verfemter: Seines Rufes verlustig, nimmt er unter falschem Namen einen Lehrerjob weit entfernt von seiner Alma Mater an, um seine Familie zu ernähren. Er trinkt, begeht weitere Unehrlichkeiten und nimmt sich irgendwann das Leben. Die Witwe, voller Hass auf die „mörderische Universität“ und Unverständis darüber, wie ein vergilbtes Zettelchen das Leben ihres Mannes hatte zerstören können, drangsaliert das College der alten Jungfer und plant schließlich einen Mordanschlag auf diese.

Ein schönes Beispiel dafür, wie die Welten aufeinander prallen: In der Welt des Hausmädchens ist eine richtige oder falsche Quellenangabe eine Lächerlichkeit, in der Welt der Wissenschaft kann sie alles sein. In der BILD-Welt ist zu Guttenbergs Fälscherei ein charmanter Fehltritt („Hat er’s den Erbesnzählern nicht mal gezeigt?“), in der Wissenschaftwelt – nun, siehe oben.

Es zeigt sehr schön, wie gefährlich es ist, die Welten zu vermischen. Wenn die Ansprüche des Alltags sich wie Schraubzwingen um den Wissenschaftler legen, dann wird er womöglich schwach. In Sayers‘ Werk tut uns der Gestrauchelte irgendwann ein bisschen leid. Sayers legt nahe, dass Forscher zwar in der Sache unerbittlich bleiben sollten, denn Nachsichtigkeit würde die Forschung in ihren Grundfesten erschüttern. Aber Forscher sollten auch Menschen bleiben und es nicht zum Äußersten kommen lassen – vielleicht hätte ein freundliches Wort unter vier Augen schon verhindert, dass der gestrauchelte Ex-Habilitand völlig in den Abgrund saust.

Verdient zu Guttenberg also ein freundliches Wort? Aber klar, immer – wir sind ja keine Unmenschen. Aber es fällt schwer. Denn er hat seine Dissertation nicht als Wissenschaftler geschrieben, sondern immer als „Als-ob-Wissenschaftler“. Sie war für ihn Mittel zum Zweck: Aufhübschung des Lebenslaufs, akademische Legitimierung des smarten Politikers. Er hat die nicht-wissenschaftliche Welt von Anfang an mit der wissenschaftlichen vermischt und in Kauf genommen, dass die Forschung unter dieser Vermischung leidet. Er tat zwar so, als habe er im Schweiße seines Angesichts für die Wissenschaft geschuftet und als „junger Familienvater“ Entbehrungen auf sich genommen – aber eben nicht für die Wissenschaft, sondern für den Titel. Das ist ein Riesenunterschied. Das akademische Mäntelchen sollte sich wärmend um die Schultern des Freiherrn legen, dabei hat er sich für die Forschung überhaupt nicht interessiert – anders kann man nicht erklären, dass er so gnadenlos geklaut hat (nehmen wir freundlicherweise einmal an, dass er das wenigstens selbst getan hat). Er ist durchaus ein Mann in einer Zwangslage: Denn er ist ein Mann, der sich zu viel aufgeladen hat. Natürlich verdient er eine zweite Chance. Aber bitte in der zweiten, vielleicht sogar in der dritten Reihe, denn die erste bekommt ihm nicht – und die Wissenschaft ist uns zu kostbar, als dass wir sie so beschädigt sehen wollten. Da sind wir doch einmal ein bisschen unerbittlich. Auch wenn wir keine alten Jungfern sind.

PS Dorothy Sayers hätte dem Freiherrn vermutlich geraten, sich endlich einmal ordentlich anzuziehen, seine Frau diesen unsäglichen Populismus im Privatfernsehen abzugewöhnen und sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Ihr literarischer Held Lord Peter Wimsey war ja auch nur in Geheimaufträgen unterwegs (das allerdings in Savile-Row-Anzügen). Der eitle Lord wusste genau, dass ihm das Scheinwerferlicht nicht guttun würde. Er war übrigens nicht promoviert.

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