Der soziale Super-GAU

Ein Blogpost zur Scilogs-Serie „Erdbeben in Japan“ anlässlich der Fukushima-Unfälle, erschienen im Brainlogs-Blog „Nette an Steve“, das ich einige Jahre mit meinem Kollegen Steve Ayan von Gehirn&Geist geführt habe.

Während meines Studiums war mir irgendwann mal fad und ich habe angefangen, an einer Riesen-Publikation über neue Energien und überhaupt sinnvolles, nachhaltiges Leben mitzuarbeiten. Das Ganze sollte interaktiv und hyperverlinkt werden, und deswegen bewarfen uns die Sponsoren mit schicken Macs: Wir waren innovativ und müslifrei und wollten etwas richtig Knackiges machen. Es war 1990, wir saßen im 1. Wiener Gemeindebezirk und retteten schreibend die Welt.

Leider ging das Projekt pleite, die Macs waren plötzlich weg, das Büro zu, der Chef nur noch unerreichbar. Mir blieb ein 200-seitiges Dossier zum Thema „Energie“. Ein knappes Jahr lang hatte ich Bibliotheken geknetet, Umweltinstitute belagert, Expertengespräche geführt. Österreich erschien mir damals als Hort der alternativen Energien: Ich schwelgte in Blockheizkraftwerk-Projekten an Schulen, Kraft-Wärme-Kopplung in Betrieben, Solarzellen auf dem Dach. Deutsche Umweltforscher lieferten mir wunderbare Analysen darüber, warum Atomkraft totaler Schwachsinn ist.

Das hat mich, irgendwie, ziemlich geprägt. Am eindrücklichsten ist für mich bis heute die Analyse „Die Grenzen der Atomwirtschaft“ von Klaus Michael Meyer-Abich, Bertram Schefold und Carl Friedrich von Weizsäcker. Denn sie ritten nicht nur, wie alle anderen, auf den Risiken der Atomenergie herum. Sondern sie analysiert ganz konsequent, was mit einer Gesellschaft passiert, die Atomenergie nutzt. Von der Mikroebene – dem Arbeitsplatz „Atomreaktor“ – bis zur Makroebene – Bundespolitik, Medien – haben sie alles durchleuchtet. Dabei wurde deutlich, dass Atomwirtschaft nie ohne soziale Folgeschäden zu haben ist. Atomwirtschaft ist eine Hochrisikowirtschaft: Sie muss immer auf den GAU vorbereitet sein. Das verlangt von den Mitarbeitern, den Angehörigen, den Nachbarn bis hin zu Medien und Politikern bestimmte Kompromisse. Ein Beispiel: Mitarbeiter dürfen ihren Angehörigen nicht über jeden Störfall berichten, denn dann würde das Betriebsgeheimnis des Betreibers verletzt. Sie werden also zu Geheimnisträgern und damit Mitwissern des Risikos. Demnach kommt jeder Mitarbeiter bei Störfällen in den Konflikt, ob er seiner Familie, die er ja schützen will, davon berichtet oder nicht. Die Autoren zeigen sehr schön, dass damit Belastungen in eine Gesellschaft eingeführt werden, die diese nicht unbedingt standhält: Nicht jeder Mitarbeiter kommt damit klar.

Außerdem ist das Risiko der Atomtechnik schwer vermittelbar, was wir gerade jetzt wieder sehr gut sehen. Die Kanzlerin sprach gestern bei der Moratoriums-Pressekonferenz davon, dass in Japan „möglich geworden ist“, was lange als „unmöglich“ gegolten hat. Diese Aussage einer promovierten Physikerin ist erstaunlich. Niemand mit klarem Verstand hat für unmöglich gehalten, was in Japan passiert, sondern er hat es für unwahrscheinlich gehalten (Gerd Antes erklärt das alles in der FAZ nochmal ganz schön). Das ist ein riesiger Unterschied. Aber genau das macht das sozial Unverträgliche der Atomtechnik aus: Eine Kanzlerin traut sich nicht, das Wort „unwahrscheinlich“ zu benutzen, da das impliziert, dass das Ereignis eben unter bestimmten Umständen doch möglich ist. Das aber könnte so interpretiert werden, dass sie ihr Wahlvolk bewusst einem Risiko aussetzt. Also redet sie lieber Stuss. Das zeigt sehr schön, dass sich die Sprache der Forschung (hier: die Sprache des Risikos) nicht in die Sprache der Politik übersetzen lässt. „Unwahrscheinlich, aber unter bestimmten Bedingungen möglich“ passt nicht in die Politikersprache, promovierte Physikerin hin oder her.

Und auf Landesebene zeigt sich, dass mancher mit dem Konflikt zwischen der Informationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit und dem Geheimhaltungsbedürfnis der Atombetreiber überfordert ist: Die oberste Atomaufseherin Baden-Württembergs muss sich jetzt mit dem Vorwurf herumschlagen, sie hat Vorfälle in einem Atomkraftwerk verheimlicht. Auch das wieder ein sozialer Störfall wie aus dem Meyer-Abich-et al.-Lehrbuch.

Soziale Schäden sind immer da. Und wenn es die Folgen der Farce sind, sieben Atomkraftwerke abzuschalten, um einen Wahlkampf zu gewinnen; sowas schadet der Glaubwürdigkeit der Politik massiv. Auch wenn die Technik beherrschbar wäre (der Vollständigkeit halber nenne ich mal eine entsprechende Quelle, und hier noch ein UPDATE zu dieser „Quelle“ UPDATE: leider gibt es die beiden genannten Quellen nur noch in archive.org), die sozialen Folgen sind es nie. Und zwar genau deshalb, weil immer ein Rest Unbeherrschbarkeit bleibt. Vielleicht überfordert das nicht die Techniker unter uns. Aber die Gesellschaft kommt damit nicht klar. Genau deshalb bin ich gegen Atomkraft. Es lebe das Blockheizkraftwerk.

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